Lieber Nachbar,

keine Sorge, heute einmal keine Beschwerden und Wünsche von deinem kleinen Nachbarn aus Österreich. Heute geht es einmal nicht darum, dass Deine LKWs täglich zu Tausenden durch unseren Alpingarten in den Süden donnern. Es geht nicht darum, ob wir bei Euch eine Maut zu entrichten haben oder wer bei wem wie studieren kann. Heute geht es einmal nur um mich.

Ich bin nämlich draufgekommen, dass sich mein Verhältnis zu Dir in den letzten Jahren doch deutlich geändert hat.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich in meiner Jugend in den sechziger und siebziger Jahren von Dir nur wenig mitbekommen habe. Da waren die vielen deutschen Touristen mit ihren weißen Socken bei uns in Tirol, mit denen wir kaum gesprochen haben, manchmal ein Blick in die Bildzeitung und natürlich die deutsche Fußballnationalmannschaft, die wir nie so richtig gemocht haben. Später dann war es bei uns im Hause gang und gäbe, auf Euch drüben zu schimpfen. Zu groß, zu laut, zu radikal, zu wenig Zwischentöne, zu deutsch. Berlin ja, aber Berlin haben wir nie als Deutschland verstanden. Berlin, das war immer ein ganz eigener Ort. Das Gartenhaus, in dem die Regeln des Haupthauses nicht gelten.

Dann hast Du Deine Scheidung rückgängig gemacht und zum zweiten Mal geheiratet. Und mit der Zeit hat sich bei Euch Einiges verändert. Eure Städte sind bunter geworden, eine neue Generation war zu spüren. Entspannter, internationaler, skandinavischer.

Ich und andere von uns haben begonnen, bei Dir zu arbeiten und Firmen zu gründen. Und Du hast Dich plötzlich nicht mehr nur um Dich gekümmert. Vor allem hast Du aufgehört, Dich immer nur zu rechtfertigen für das, was war. Du hast Mitverantwortung übernommen und bist Probleme angegangen, die bislang als unlösbar galten. Keiner unserer anderen Nachbarn hat es geschafft wie Du, die vielen Nationen unter einem Dach so selbstverständlich zusammen leben zu lassen. Nach wie vor ist es fast undenkbar, dass bei uns eine Frau die Chefin wird, ein Außenminister sein Schwulsein offiziell lebt oder ein Verteidigungsminister eine Mutter von sieben Kindern ist. Für mich ist Deutschland heute das für Europa, was Amerika einmal für die westliche Welt war. Ein Versuchslabor für ein zivilisiertes, demokratisches, verantwortungsvolles und freies Zusammenleben verschiedener Kulturen.

Also alles gut mit uns zweien? Fast, würde ich sagen. In letzter Zeit fällst Du leider wieder in alte Gewohnheiten zurück. Erneut beginnst Du, Deinen kleinen Ösi-Nachbarn nicht ganz ernst zu nehmen. Unzuverlässig, fast griechisch, sagst Du, seien wir geworden. Wir würden zu wenig ernsthaft arbeiten und zu viel Geld ausgeben. Da ist schon was dran, aber unterschätze uns nicht. Wir sind klein, aber nicht blöd. Und so lange ist es nicht her, dass Du gestöhnt hast und wir Dir den Weg gezeigt haben in ein neues, um den Osten und Südosten erweitertes Europa.

Du bist „eh leiwand“, wie die Wiener sagen, aber bitte, „wird‘ nit wieda großkopfert.“ Das mögen weder wir noch die anderen.

Dein Nachbar

A

Wien, 31. Juli 2015

PS: Heute mag ich Deine bunte Fußballnationalmannschaft.

Über den Autor: Alfred Autischer wurde 1958 in Lienz, Osttirol, geboren. Nach dem Studium der Publizistik und Germanistik gründete er 1986 gemeinsam mit Studienkollegen seine erste PR-Agentur und war in der Folge viele Jahre stellvertretender CEO der größten PR-Agentur Europas, Grayling. Heute lebt er mit seiner Familie in Wien und hat sich mit Gaisberg Consulting auf die Kommunikationsberatung in schwierigen Fällen spezialisiert.

Foto: Alfred Autischer