Liebe Bundesrepublik,

sobald ich die blau-weißen Schilder sehe mit der praktischen, aber veralteten DIN-Schrift, fühle ich mich wieder zuhause. Und wenn der erste ICE vorbeirauscht, lackiert in RAL 7035 Lichtgrau mit dem roten Streifen in RAL 3020 Verkehrsrot und der eigenwilligen Schrift, weiß ich, dass ich mit meiner Arbeit für die Deutsche Bahn ein wenig zu Deinem Erscheinungsbild beigetragen habe. Alles ist so schön organisiert hier. Das beruhigt nach Aufenthalten in anderen Ländern, in denen es nicht so berechenbar zugeht. Es ist ja ganz einfach: alles, was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist verboten. Damit kann man umgehen. Es sei denn, man möchte etwas machen, das es noch nicht gibt.

Irgendwann Anfang der 80er hatte ich vor meinem damaligen Wohnhaus in Berlin einen Fahrradständer montiert: einfach mit ein paar Löchern in den Gehwegplatten verankert und schon konnten viele Bewohner und Nachbarn ihre Räder dort anschließen. Mehr als 20 Jahre später kam die Nachricht vom Bezirksamt, ich hätte mich der „unbefugten Nutzung öffentlichen Straßenlandes“ schuldig gemacht. Dafür musste ich eine Strafe von 120 Euro zahlen und damit war die Sache erledigt. Eine Genehmigung hätte ich damals nie erhalten, also riskierte ich die strafbewehrte Eigenmächtigkeit.

Ich würde meine Heimat noch mehr lieben, wenn die vielen Regeln auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten wären anstatt auf die von trägen, veränderungsunwilligen Behörden. Und wenn Initiativen wie meine nicht bestraft, sondern belohnt würden. Es gibt viele Menschen mit guten Ideen bei uns. Schön wäre es, wenn diese Ideen nicht oft im Ansatz erstickt würden, weil es für sie noch keine Regeln gibt.

Sonst gefällt es mir bei Dir gut, auch wenn das Wetter in letzter Zeit zu wünschen übrig lässt. Aber dafür gibt es leider keinen Adressaten.

Mit hoffnungsvollen Grüßen,

Prof. Dr. Erik Spiekermann

Berlin, 13. August 2015

Über den Autor: Geboren 1947, lebt Erik Spiekermann in Berlin, London und San Francisco. Er ist Setzer, Drucker Kunsthistoriker, Informations, Designer, Schriftentwerfer und Fachautor. 1979 gründete er MetaDesign, das er zum größten deutschen Designbüro bis zu seinem Ausstieg 2001 ausbaute. 1989 gründete er FontShop den weltweit ersten Vertrieb für elektronische Schriften. Einige seiner Schriftentwürfe, u.a. FF Meta und ITCOfficina, gelten als moderne Klassiker. Für seine Schrift DBType der Deutschen Bahn bekam er 2007 den Bundespreis Design in Gold. 2013 erhielt er vom ADC Deutschland den Ehrenpreis für sein Lebenswerk. 

Foto: Eric Spiekerman mit seiner Leica