Wertes Deutschland,

wir kennen uns ja nun fast 70 Jahre. Du, auferstanden aus Ruinen, ich, ein Kind aus der illegalen Bekennenden Kirche und der Friedenshoffnung, aufgewachsen im deutschen Pfarrhaus, mit der Musik von Bach und Mozart, dem Liederbuch“ Student Europa“, in den Weiten und mit den Überflutungen des Niederrheins, mit Flüchtlingen, die wir aufnahmen, nah an der offenen holländischen Grenze, wo ich die wilde Nordsee, die Fenster ohne Gardinen, die starken Frauen und das Fahrradfahren, Schokostreusel auf Käse, bewunderte, mich in das Tagebuch der Anne Frank, wie das einer engen Freundin vertiefte,viele Sprachen lernte ohne Fernsehen und Flugreisen.

Wie haben wir uns, du mir fremdes und nahes, bedrohliches und vertrautes Deutschland verändert, in den Umbrüchen seit 1945 dank der Mütter des Grundgesetzes, der Gruppe 47, den Demos gegen Wiederaufrüstung, der 68ger Revolte, als ich in Westberlin mit Rudi Dutschke und Elisabeth Käsemann mitwirbelte, Protestieren und Demokratie einübte. Wie haben wir beide uns gewandelt durch Konflikte hindurch, persönliche und öffentliche, mit der neuen Frauenbewegung, mit Courage und Emma, mit den gewaltfreien, kreativen Bürgerinitiativen, die die RAF und ideologischen Dogmatismus ablehnten, mit der Antiatombewegung, in der ich in Wyhl und Gorleben andere Deutsche als in Berlin lieben lernte, mit den großen Friedensdemos in Bonn, die ich mit organisierte, damit Du friedlich und freundlich wirst, die Welt nie mehr bedrohst, eine gemäßigte, nachdenkliche Kraft wirst in einem sich wieder vereinigendem Europa.

Heute heißt das, im Bund mit Reformkräften in EU, UNO, WTO und IWF die Milleniumsziele der post 2015 agenda umzusetzen. Den Bürgerrechtsbewegungen in Ost und Westeuropa, den Frauen für Frieden, Schwerter zu Pflug scharen aus der DDR, Vaclav Havel, Adam Mischnik, meiner Freundin Bärbel Bohley, Solidarnosc sei Dank, das sie Dich zur Transformation gedrängt , mal eine friedliche Revolution mit Dir gewagt haben. Ja auch mit den Grünen hast du dich gewandelt, so wie ich mich auch von der Alternativ- kultur hin zu pragmatischer Reformpolitik von der ersten Europawahl 1979 bis hin zur rot- grünen Regierung 1998. Vieles aus Deinen 2 oder mehr Hälften ist nicht gut zusammengewachsen, so wenig wie die schöne neue Facebook und Google-Welt.

Es wäre besser für Dich, wenn das oft demagogische Jammern, miefig-depressives Meckern übers eigene Land sich produktiv mit Humor, esprit, guter Satire und weltoffener Großzügigkeit und Kenntnis der Welt äußern würde .

Erinnerst du Dich, welch eine Freude durchströmte dieses Land, als die Mauer zum Einsturz gebracht wurde 1989, welche Hoffnungen wurden weltweit damit ausgelöst! Auch wenn ich nicht mehr so gegen Dich anrenne wie in den 60gern, doch wenn ich Dich mahnen darf: die deutsche Einheit kann sinnvoll nur gelingen in einem sich verstehenden, sich auf demokratisch veränderbare Regeln einigendem Europa voller Interessen und Kulturkonflikte. Ohne Liebe zu Griechenland oder Polen,was ja keine kritiklose sein muß, ohne Kenntnis ihrer Geistesgeschichte können keine gemeinsamen Regeln erzwungen werden von einer sogenannten deutschen oder nordischen Leistungskultur und geistlosem Effizienz oder Konsumwahn, der auch noch von Hedgefonds erzwungen ist.

Ich schäme mich wieder für Sprach-und Phantasielosigkeit von Experten, Bürokraten und für Brandstifter und Hetzer in „social media“, so dankbar und stolz ich sonst auf unsere Umweltbewegungen, die unzähligen ehrenamtlichen Flüchtlingsprojekte, die kreativen Szenen bin.

Du wirst ja nun seit 10 Jahren in Koalitionen von einer Pfarrerstochter aus der DDR regiert, nachdem der mainstream sich in vielem der SPD und den Grünen anverwandelt hat. Du bist über die Jahre liberaler, pluraler geworden, ganz schön schräg bei der Loveparade, in Clubs, locker bei der WM. Doch mich beruhigt Merkels Raute mit ihren meist zu einfachen Floskeln zum Thema Euro, Islam, Globalisierung nicht. Ich werde langsam nervös als alte Europäerin. Üb doch mal ne Streitkultur, die ich lieben gelernt habe in Lateinamerika und Italien, bei Iranern oder Russen im Exil hier, im Europaparlament mit der eleganten politischen Rhetorik von Jacques Delors, bei den besten Traditionen Englands! Laß doch diese Plastiksprachen des managements sausen. Du wirst wieder schöner mit guter Streitkultur, mit Höflichkeit, Stil und Grenzen von Scham, deren Zerstörung in Unterhaltungsindustrie, in der Anonymität des internet im reellen Leben landet mit mobbing, Hass, Terror und Desorientierung.

Mein Wunsch: Bleib bunt, nachdenklich, warmherzig, lerne mit Nachbarn im Kiez und Europa im Stress einer Welt aus den Fugen neu: Weitsichtige Vernunft und Solidarität!

Herzlich, deine Eva Quistorp

Berlin, 12. August 2015

Über die Autorin: Eva Quistorp, geboren 1945 in Detmold studierte nach dem Abitur 1965 in Minden an der Freien Universität Berlin Germanistik, Politologie und Evangelische Theologie. Sie ist Mitbegründerin und Aktivistin der deutschen Friedens-, Frauen und Umweltbewegung. Mit Petra Kelly und Joseph Beuys gehörte Eva Quistorp 1979/80 zu den Gründern der Grünen und war Mitgründerin der Boell-Stiftung und von Attac. Als Fraktionsvorsitzende der europäischen Grünen saß sie im Europäischen Parlament.

Foto von Amin Akhtar