Liebes Deutschland,

ich kenne Dich nun schon siebzig Jahre, irgendwie gehören wir zusammen, und doch bist Du mir nicht selbstverständlich, nicht so vertraut, dass ich darüber nicht nachdenken müsste. Du bist kein „guter alter Bekannter“, wir stehen nicht zueinander wie ein langjähriges Ehepaar, und „Ich liebe Dich“ würde ich nie zu Dir sagen.

Allein dass nach 1933 in Deinem Namen Hunderttausende von Menschen in eigens errichteten Lagern mit industrieller Perfektion getötet wurden, musste einer innigen Beziehung zwischen uns im Wege stehen. Auch dass mein Großvater wegen einer kleinen NSDAP-Parteifunktion zweieinhalb Jahre in ein sowjetisches Internierungslager bei Bautzen kam, hat mich Dir nicht nähergebracht. Meine Großmutter pflegte danach zu sagen: „Lieber Gott, mach mich stumm, dass ich nicht nach Bautzen kumm!“

Deine Landschaften, Wälder und Seen muss ich nicht erwähnen, sie sind ausreichend besungen – aber ich hätte sie vermisst, wenn ich außer Landes gegangen wäre. Was nun, liebes Deutschland, Dich als Staat angeht, sollte ich in der Schule lernen, dass Du aus zwei verschiedenen, sogar feindlichen Brüdern bestehst. Diese deutsche Schizophrenie fand 1961 ihren architektonischen Ausdruck in der berüchtigten „Mauer“ – wer sie überwinden wollte, riskierte sein Leben, und das schien bis vor 25 Jahren zementiert für die Ewigkeit. Was mir im Alltag etwas Heimat gab, war Deine Sprache: die Luther-Bibel, die Grimmschen Märchen, die ich meinen Söhnen vorgelesen habe, oder Gedichte von Ingeborg Bachmann, die ich auf eine Insel mitgenommen hätte.

Mein heimlicher Lebensmittelpunkt war die Berliner Domkantorei: die Passionen von Bach und die Oratorien von Brahms oder Mendelssohn, die ja niemals eng und simpel „deutsch“ genannt werden können, denn sie verweisen darauf, dass es etwas Größeres gibt als Dich, liebes Deutsch-land. 1985 habe ich – nach sieben Monaten Untersuchungshaft bei der Staatssi-cherheit und Verurteilung zu 26 Monaten Gefängnis – die vorzeitige Entlassung per Freikauf angenommen, die Ausreise in Deinen Westen aber abgelehnt.

Der Osten, nicht der Staat DDR, war meine Heimat, wozu auch meine Frau zählte, die deutsche Volkslieder liebt (vornehmlich traurige), eine Unzahl Gesangbuch-Choräle auswendig kennt und als Theologiestudentin versucht hat, Bibeln ins Baltikum zu schmuggeln. Von ihr habe ich gelernt, dass Dir, liebes Deutschland, im Ergebnis des angezettelten Krieges einiges verlorengegangen ist: der sogenannte „deutsche Osten“, aus dem unsere Eltern stammen, zum Beispiel die masurischen Seen, von denen die wenigen dort verbliebenen evangelischen Christen heute noch sagen: „Das sind die Tränen Gottes.“

Nach dem unerwarteten Ende Deiner „Zwiespältigkeit“ vor 25 Jahren hat sich mein Verhältnis zu Dir allmählich geändert: Anfangs hing ich noch der Utopie eines unabhängigen ost-deutschen Gemeinwesens an, nun aber genieße ich – trotz aller Kollateralschä-den einer kapitalistischen Wirtschaft – Deine politischen Freiheiten, aber auch, dass meine Geburtsstadt Görlitz nicht mehr unter die DDR-Losung fällt „Ruinen schaffen ohne Waffen“. Und dass meine Söhne – anders als ich – die Bücher lesen dürfen, die sie lesen wollen, und sich nicht unter die Herrschaft anmaßender SED-Funktionäre ducken müssen. Und wenn Du, liebes Deutschland, jetzt Flüchtlinge aufnimmst (wie Du 1945 meine Mutter aufgenommen hast, als sie ihre Wohnung in Schlesien verlassen musste), dann wird aus uns vielleicht noch ein richtiges Paar.

Dein Gilbert Furian

Zossen, 11. Juli 2015

Über den Autor: Gilbert Furian wurde 1945 in Görlitz geboren. Mit 16 Jahren Ausschluss aus der FDJ, weil er der Jungen Gemeinde angehörte und abweichende politische Meinungen vertrat.  Nach dem Abitur Lehre als Verkehrskaufmann, dann Philosophiestudium an der Karl-Marx-Universität Leipzig, aus politischen Gründen unvollendet. 1968 bis 1984 erste Ehe. 1987 Heirat mit der Pastorin Katharina Furian, seit 2000 Superintendentin eines evangelischen Kirchenkreises. Er hat hat zwei Söhne, die in Berlin studieren, und eine außereheliche Tochter. Seit 1997 führt er Besucher durch die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.

Foto: Gilbert Furian und Angela Merkel