Liebes Deutschland,

wir müssen über das Wort „Angst“ reden. Kannst Du mir sagen, warum es aus Deinem so schönen und reichen Wortschatz ausgerechnet diese Wort geschafft hat, überall auf der Welt deutsch ausgesprochen zu werden? „German Angst“ ist ein stehender Begriff und wird mit Dir in Verbindung gebracht, liebes Deutschland, wie Schweinsteigers rechter Fuß und Mercedes.

Dabei ist es das lähmendste Wort Deiner Sprache. Die Warnfunktion erfüllt das Wort „Furcht“ besser. Furcht hat eine Ursache und die Funktion, davor zu warnen, und wenn die Ursache beseitigt ist, dann ist es auch die Furcht. Angst dagegen bleibt. Angst ist allgegenwärtig, Angst war, ist und wird sein, ewiglich, wenn Du es zulässt. Und das tust Du, diese Bemerkung sei mir gestattet, viel zu sehr! Denn Angst ist wie ein Krebsgeschwür. Sie wuchert und zerstört, wovon sie sich ernährt.

Ich muss es Dir sagen, wie es ist, liebes Deutschland. Viele Deiner Bewohner glauben ernsthaft, Du gehörtest Ihnen. Es ist ihre Angst die sie zu diesem seltsamen Glauben treibt, die Angst, die sich von ihnen ernährt. Sie glauben, sie könnten tatsächlich ein ganzes Land besitzen. Wenn Sie wüssten, dass sie nicht einmal sich selbst besitzen, würden sie vor Angst vielleicht schon wieder um sich schlagen, wie in diesen apokalyptischen 12 Jahren im letzten Jahrhundert, die Dir seitdem als ewiger Alptraum in den Knochen hängen, liebes Deutschland. Sie würden um sich schlagen in der wahnsinnigen Annahme, damit ihre Angst zu treffen. In Wirklichkeit treffen sie damit aber das Wertvollste, das sie haben: Ihre Menschlichkeit.

Das erste, was die Angst frisst, ist die Freude. Als Du vor fünfundzwanzig Jahren wieder mit Dir selbst vereinigt wurdest und die ganze Welt die Freude darüber mit Dir teilte, da wurde vorm Brandenburger Tor Beethovens 9. Symphonie gespielt. Leonard Bernstein dirigierte sie. Alle Welt hörte diese schönen deutschen Worte: „Freude schöner Götter Funken“.

Das wäre doch der Moment gewesen, in der die Welt den Begriff „German Angst“ durch „German Freude“ hätte ersetzen können. Freude öffnet. Wer sich freut, ist gastfreundlich, großzügig, selbstbewusst, wer Angst hat, neigt zu Fremdenhass, Geiz und Selbsthass. Vor German Freude müsste sich niemand fürchten, vor German Angst schon. Warum ist das nicht passiert, liebes Deutschland?

Ich freue mich auf eine baldige Antwort,

Dein Dich liebender Hans-Werner Meyer

Berlin, 7. September 2015

Über den Autor: Hans-Werner Meyer wurde 1964 in Hamburg geboren. Er begann seine Karriere als Schauspieler 1990 am Residenztheater München und wechselte 1993 an die Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin und stand für über 120 Film- und Fernsehproduktionen vor der Kamera. Er ist Vorstandsmitglied des Bundesverbands der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) und als Mitinitiator des Deutschen Schauspielerpreises tätig. Hans-Werner Meyer ist mit der Schauspielerin Jacqueline Macaulay verheiratet und hat zwei Kinder. 

Foto: Hans-Werner Meyer fotografiert von Ole Graf