Deutschland.

Warten auf den Perseidenregen. Zikaden zirpen in der Dämmerung. Vom Rande des Grundstücks schaue ich auf den Wald. Tief und dunkel liegt er vor mir. Der Wind frischt auf, es rauscht im Tannenmeer. Es erzählt von Menschen, die sich hier versteckten, vom Krieg und verschlungenen Pfaden, und von der Beute der Bankräuber, die da noch immer unter einer Wurzel vergraben liegt. Ich habe nachgedacht, Deutschland. Ich bin dir dankbar aber Liebe ist es nicht. Ich sehne mich nach Gerechtigkeit, nach einem Land in dem nicht Banken gerettet werden, sondern Menschen. Andererseits hast du geholfen, als ich keine Arbeit fand. Das habe ich nicht vergessen. Auch nicht die Friedlandhilfe, die ich nach der Flucht aus dem Osten erhielt oder die Weiterbildungsmaßnahme für „schwer vermittelbare Jugendliche“- Ich habe Dir einiges zu verdanken. In Dir ist es sicher. Niemand muss hungern oder frieren. Es gibt genug Wasser. Dein Klima ist gemäßigt. Dein Gräser sind nicht zu grün. Deine Landschaften selten spektakulär. Es reicht nicht für die große Liebe.

Ich habe keine Gefühle für Dich. Meine Heimat ist mit dem Mauerfall gestorben. Ich habe die DDR gehasst, in der ich nicht sein durfte, wer ich bin. Du hast mir Chancen gegeben und ich habe sie genutzt. Dafür will ich Dir danken. Aber ich definiere mich nicht über ein Land, mehr über die Menschen. In Dir treffe ich interessante, kluge und warme, schöne und dicke, fantasievolle und lustige – den stumpfen und neidischen begegne ich nur selten. Ich höre sie aber brüllen im Internet und wie es scheint, immer lauter.

Da stockt dann der Atmen wegen all des Hasses, der einem aus den Kommentarspalten entgegen quillt- menschenverachtendes völkisches Geschwafel, viel Neid und Hässlichkeit. Manchmal könnte ich vor Wut heulen, weil es so so aussichtslos scheint. Weil stumpfe Gewalt und Dummheit alles Schöne, Wertvolle und Inspirierende an jedem Ort auf der Welt kaputt macht, und wenn wir nicht aufpassen auch hier in Dir, Deutschland. Ich glaube es geht dir nicht so gut, wie du vorgibst. Immerhin, du bist reich, kannst Dir mehr als Deine Schwesterstaaten in der EU leisten. Aber glücklich macht Dich das nicht. Dein Atem riecht und längst bist du grau und steif geworden. Ich glaube, es liegt nicht am Alter, es liegt an deiner Haltung. Dir fehlt es an Fantasie, vielleicht auch an Demut. Selbstgefälligkeit ist kein schöner Charakterzug. Wie schizophren dagegen der Zustand in Deinem Herzen! Hier pumpt und hüpft es ohne Unterlass, in der Hauptstadt bist Du schillernd und einzigartig, hast genialen Humor, die naive Fröhlichkeit der Jugend, die Offenheit und die Vielfalt der Lebensmöglichkeiten. Wirklich, da bist Du ganz wunderbar, da lieb ich Dich. Da will ich bei Dir sein – auch mit kaputter S-Bahn und Loch im Portemonnaie. Lieber dort als auf dem Land, in einem Deiner Dörfer, in denen die Landschaften immer weiter und der Horizont der Leute immer enger wird, in denen auf Grundstücken Reichsflaggen gehisst werden und tierliebe Nachbarn sich nach 2 Bier plötzlich „Asylanten in einen Keller eingesperrt und zugeschüttet“ wünschen. Da bist du nur ein Haufen Erde. – Nichts, was man lieben könnte außer die Unendlichkeit des Sternenhimmels. Ich habe Wünsche aufgeschrieben, für mich und für Dich, Deutschland. Ich bin ein Teil von Dir aber Liebe ist es nicht.

Jackie A.

Berlin, 25. August 2015

Über die Autorin: Jackie Asadolahzadeh landete nach ihrer Flucht aus der DDR über die Prager Botschaft als Türsteherin in „Europe’s Hardest Club“ Bunker, schrieb Texte als Meerjungfrau für das Oceanclubradio/Radioeins, war mit „Berlin Beat“ (SFB) in eigener TV-Sendung zu erleben, fand sich in der Rolle der Nachtlebenreporterin in Gesine Danckwarts interaktiver Theater-Kneipe „Chez Icke“ wieder und betreibt unregelmäßig einen Lesesalon ausschließlich für private Tagebücher.  Seit nun schon 17 Jahren schreibt sie Kolumnen für das Tip- Stadtmagazin, welche gesammelt im Buch „Apple zum Frühstück“ bei Blumenbar erschienen sind.

Foto: Jackie A.