Deutschland,

ich weiß, wie du aussiehst, frühmorgens um fünf, wenn die Sonne sich gleißend hinter den matten Wolken versteckt, und wie du schmeckst zwischen reifen Äpfeln und sauren Gurken, wie deine Kiefernwälder im Spätsommer duften, und die dunklen Flecken deiner Städte nicht. Ich weiß, wie du dich anhörst, in Höhen und Tiefen, und wenn dein Meerwasser ans Ufer rauscht. Eins aber fehlt mir in dem Puzzle, das du bist: dein Gefühl. Ohne das bleibst du mir unvollständig und ich ohne Ahnung, wie du wirklich bist.

Ich weiß nicht, ob du dir deine Schwächen zugestehst, ob du geduldig bist, ob du Schmerz spürst oder Druck. Was du unterdrückst, ich könnte es nicht sagen, auch nicht, ob du dir selbst vergeben kannst, ob du deine Fassade behältst, wenn du unsicher bist. Ich weiß nicht, ob Anerkennung dir schwerfällt, wann du vermeidest und wann du verneinst, wann du Schwierigkeiten hast, Potenziale zu nutzen, wann du grün wirst vor Neid und warum. Oder wie viel Mut Scheitern erfordert, wie stark du Schuld spürst, wenn etwas versehentlich geschieht; was erleichternd für dich ist und gleichzeitig schade, was zu kurz kommt und was dir etwas abverlangt.

Ich möchte wissen, ob du dich selbst zelebrieren kannst, wann und wie dich Euphorie verändert, und was an dir dich mit Scham erfüllt; ob du scheu bist oder unbeständig, ob du hilflos oder erschöpft bist dann und wann. Und ob du tapfer bist und in welchen Momenten, wo du empfindlich bist, und wo bedingungslos; wie schwer es dir fällt, dich auf andere einzulassen, ob du Vertrauen hast, und wann du es verlierst; auch, ob du an die Liebe glaubst und sie erkennst, ob du handelst, wie du es von anderen verlangst.

Ich wundere mich, ob es dir ein Leichtes ist, dich selbst zu vergessen, ich glaube nicht, du bist sehr impulsiv. Ich frage mich, wann du dich lebendig fühlst, und wann vollständig, ob du im Jetzt lebst und woran du das festmachst, und wie wichtig dir Glauben ist und ob du glaubst, du bist glücklicher als der Rest. Ich frage mich, ob die Raserei in dir dir selbst manchmal Angst macht, wie Hass und Verachtung für dich sind, und wie sie sich äußern, subtil oder mit Wucht. Wann dich das letzte Mal Furcht beschlich, möchte ich wissen, ob du allein warst mit ihr oder sie teilen konntest, ob du Mitleid hast und mit wem am meisten, und ob du Leid auf Bildern siehst oder als deine Realität. Und was du als Last empfindest und was als Wirklichkeit, wie es sich anfühlt, wenn dich jemand verlässt.

Ich frage mich, wer dich enttäuscht hat und was geblieben ist, ob du Traurigkeit zulässt oder dich ablenkst, was du gern zurücknehmen würdest und was zurückgeben. Und ob du Zweifel hast oder zuversichtlich bist, ob du Klarheit brauchst oder ein Dazwischen tragbar ist, welche Lautstärke deine Trauer hat und worauf du wartest. Wenn du distanziert bist, überlege ich, ist es wirklich oder vorgeschoben, und was machst du mit Widerwillen, was pflicht- und was unterbewusst. Ich frage mich, ob du dir deiner Ambivalenz bewusst bist und wie sehr du dein Innenleben spürst, ob du dir selbst gut zuredest, ob du nachts manchmal träumst, oder manchmal wach liegst, ob du dann der Stille lauschst und sie ertragen kannst. Ich möchte wissen, wie sehr du kämpfst, wie wandelbar du bist, ob du Risse spürst und Unterschiede vernimmst, ob du erkennst, wann etwas am Ende ist, ob du deine Geschichten erzählst oder erlebst.

J.

Berlin, 3. August 2015

Über die Autorin: Jasmin Hollatz, Jahrgang 1987, ist Autorin und Redakteurin. Sie schreibt Prosa sowie Texte zu gesellschaftlichen und kulturellen Themen. Zudem entwickelt und realisiert sie Formate für Print und Online in der Kommunikation eines Buchverlags. Sie ist in Brandenburg aufgewachsen, studierte und arbeitete in Stockholm, Leipzig und Hannover. Seit 2010 lebt sie in Berlin.

Foto: Jasmin Hollatz fotografiert von Christoph Boecken