Deutschland meine Heimat,

diese Erkenntnis fiel mir lange schwer. Bist Du, liebes Deutschland, wirklich meine Heimat?

In jungen Jahren ging ich in die Ferne und da wurde mir klar, dass ich kaum Bezug zu Dir hatte. Ich fand Dich etwas langweilig und spröde, Biedermann und Bummelmaier, unspannend. Deine Farben sagten mir wenig. Dein Licht, Deine Wälder, Deine Gerüche – alles vertraut, aber auch nicht mehr. Nationalstolz kannte nur vom Fussball. Geprägt von Deiner – unserer Geschichte, von jahrelangem Aufarbeiten in Klassenräumen, sagte ich nur widerwillig: ’Ich bin Deutsche!’, wenn mich Einheimische oder Mitreisende fragten. Denn die Reaktion war gebetsmühlenartig immer gleich: Cars, Football, Hitler. Diese angeborene Schuld fand ich ermüdend.

Aber seine Herkunft, auch wenn man sie vielleicht zeitweise leugnen möchte, prägt einen mehr, als man manchmal zuzugeben bereit ist. Du bist mir so viel mehr als diese Klischees. Deutschland meine Heimat. Ja, und dann noch mal ausdifferenziert: Im Herzen Kölnerin, im Kopf Berlinerin und im Pass Deutsche. Heute weiß ich, gerade durch das viele Reisen, das es ein Privileg ist in einem Land wie Dir aufzuwachsen. Deine Identität in meinem Pass zu tragen. Sozialisiert in der Ersten Welt. Mit fließend sauberem Wasser, funktionierendem Energiesystem, mit Umweltplaketten und Mülltrennung. Mit Krankenversicherungen und Solidaritätszuschlag. Heute weiß ich, dass Dein soziales Netz gut ist. Vielleicht nicht das freundlichste, aber immer solide. Das Deine Sicherheit, Willensstärke und Beständigkeit mehr sind als Kardinaltugenden – es ist Dein Charakter. Ein Stück weit ist es auch meiner geworden.

Am 9. November 1989 – damals acht Jahre jung – schauten meine Mutter und ich aus dem Wohnzimmerfenster auf die Zülpicherstrasse in Köln herunter. Eine ganze Straße voll grölender, sich in den Armen liegender, fröhlicher Menschen. Euphorie lag in der Luft. Ich stemmte mich auf die Zehenspitzen und schaute neugierig herunter. Höre mich fragen: „Ist schon wieder Karneval?“ Meine Mutter: „Nein heute ist die Mauer gefallen. Die DDR hat ihre Grenze geöffnet.“ – „Mama ist das etwas Gutes?“ – „Ja das ist sogar sehr gut. Viel besser als Karneval.“

Heute lebe ich in jener Stadt, deren Teilung 40 Jahre lang die Teilung von Dir, Deutschland, anzeigte und symbolisierte. Inzwischen habe ich Gewissheit, dass meine Mutter Recht behalten hat. Berlin mit allen seinen Facetten und Gesichtern, mit seinem schweren Rucksack aus Erinnerungen und Geschichte, mit seiner schieren Lebendigkeit und seinem kratzbürstigen Humor. Warum, liebes Deutschland, kommt der Eindruck auf, das Du versuchst, alles mit dieser Teilung verbundene auszuradieren? Wenn ich mir für Berlin etwas wünschen darf, dann das Du es nicht glattbügelst und tot sanierst. Berlin ist Deine erotische Zone – sexy, ein bisschen gewagt, zuweilen etwas trashig. Aber, bitte, keine falsche Scham: Trash ist gut, Trash tut gut. Wo Du doch sonst so rausputzt, aufgeräumt und sauber daher kommst.

Deutschland, ich wünsche Dir generell mehr Mut und Leidenschaft. Was ist der scharfe Verstand, ohne Dein starkes Herz? Hast du eigentlich auch manchmal Tagträume? Oder zu viel Angst vor dem Kontrollverlust?

Ich find Dich schön so multikulti, so bunt, so in Bewegung. Das steht Dir. Das macht Dein Rot noch feuriger, Dein Gold noch kostbarer und Dein Schwarz noch intensiver.

Mit etwas nachdenklichen Grüßen,

Judith Hoersch

PS: Bist Du eigentlich gerne ein Teil von Europa? Oder möchtest Du lieber, das Europa ein Teil von Deutschland wird?

Über die Autorin: Judith Hoersch, geboren 1981 in Köln, gab Ihr schauspielerisches Debüt bereits vor ihrem Abitur. Schauspielstudium am Deutschen Zentrum für Schausoiel (2001-2004). Sie stand in zahlreichen Kino- und Fernsehproduktionen vor der Kamera. 2009 spielte sie die weibliche Hauptrolle in der englischen Produktion »Albert’s Memorial«. Judith Hoersch lebt in Berlin-Schöneberg. 

Foto: Judith Hoersch