Weißt du Deutschland,

jetzt bin ich fast auf den Tag genau seit 25 Jahren bei dir. In der Zeit davor hast du mich ganz schön an der Nase herumgeführt.

In meiner Kindheit, die ich in Tadjikistan verbrachte, hatte ich ein sehr romantisches Bild von dir denn ich hatte lediglich von dir gehört. Meistens bist du mir in den Geschichten meiner Oma begegnet. Als Kind deutscher Auswanderer lebte sie an der Wolga, lernte dort deine Sprache, feierte deine Feste wie Weihnachten und Ostern und sang mit ihren zwölf Geschwistern deine Lieder. Sie handelten meist von lieblichen Landschaften voller satter Grüntöne, strahlenden Schlössern an der klaren dahinplätschernden Donau und tanzenden Mädchen mit wellig goldenem Haar.

Eine weitere Erinnerung an dich hat mit einem gelben verbeulten Paket zu tun, das offensichtlich eine lange Reise hinter sich hatte. Es kam von dir und der Inhalt hat mich derartig verzaubert und mir den Kopf verdreht, dass ich mich beim Öffnen augenblicklich in dich verlieben musste. Ich war mir damals sicher, ein Land aus dem ein solches schillerndes, nach Schokolade und Keksen duftendes Päckchen kommt, konnte nur das Paradies sein. Ich war fasziniert von den glitzernden und aufwendig gestalteten Verpackungen der einzelnen Süßigkeiten und habe Stunden damit verbracht das Bonbonpapier nach dem Verzehr säuberlich zu glätten, nach Farbe zu sortieren und zu katalogisieren. Ganz schön deutsch, nicht wahr …

Doch unsere Brieffreundschaft hielt nur eine kurze Weile an. Dann war auf einmal alles anders. Die UdSSR zerbrach und die Sowjetrepubliken veränderten sich rasant. Gewaltausbrüche. Wirtschaftlicher Niedergang. Meine ganze Familie entschied sich das Land zu verlassen, um in unsere historische Heimat zurückzukehren.

Es war schon befremdlich sein ganzes Hab und Gut zurückzulassen. Gleichzeitig war es aber auch aufregend nur mir einem Koffer in die neue ungewisse Zukunft zu starten. Ich hatte große Angst dir zu begegnen … ich kann mich noch genau erinnern wie ich in der Nacht vor unserer Abreise von einem dunklen Wirbel träumte in das unser Flugzeug hineinflog und dann in einer bedrückenden Stille verschwand. Wie du dir denken kannst, stieg ich am nächsten Tag mit einem mulmigen Gefühl in die Maschine und wartete auf mein Schicksal. Mein Schicksal mit dir.

Die Ankunft in Frankfurt am Main änderte alles. Alles schien zu leuchten, überall blinkten Lichter. Gut angezogene Männer in grauen Anzügen hetzten geschäftig an mir vorbei und aus den Lautsprechern tönte eine helle Stimme in einer Sprache, die ich nicht verstand, die sich aber sehr vertraut anhörte. Und auf einmal war es wieder da; dieses berauschende Gefühl, das ich beim Öffnen des kleinen gelben Päckchens hatte.

Deutschland, Du hast es mir zu Anfang sehr einfach gemacht mich bei dir wohl zu fühlen. Du hast uns herzlich empfangen und warst sehr großzügig. In unserer ersten Station, einem Kurhotel an der Ostsee, das zu einem Aussiedlerheim umfunktioniert wurde, bekamen mein Bruder und ich westliche Kleider, Spielsachen, Taschengeld und bunte exotische Früchte zum Frühstück. Das war großartig!

Dass meine Eltern stundenlang in der Schlange dafür anstehen mussten und Blut und Wasser geschwitzt haben als sie das erste Mal mit deiner Bürokratie in Berührung kamen, erfuhr ich erst Jahre später. Wenn man aber heute die Eltern meiner Generation fragt, ob sie es bereuen ihre Geburtsheimat verlassen zu haben hört man, dass die meisten sich zwar entwurzelt fühlen, aber glücklich und dankbar sind, dass du ihren Kindern ermöglicht hast ein Leben in Freiheit und Sicherheit zu führen und ihre Träume zu verwirklichen.

Nach 25 gemeinsamen Jahren mit dir muss ich mir wohl eingestehen, dass ich dich am Anfang unserer Freundschaft sicherlich idealisiert habe. Du bist natürlich nicht das kleine gelbe Päckchen, das nur nach Schokolade und Keksen duftet. Selbstverständlich hast Du deine Fehler. In der Vergangenheit, in der Gegenwart und sicherlich wirst du auch in der Zukunft weitere Fehler machen. Aber für mich ist das kein Grund auf dich zu schimpfen oder dich zu verlassen, wie es meine Vorfahren vor Hunderten von Jahren getan haben.

Für mich ist es jetzt an der Zeit in Aktion zu treten. Ich möchte dir was zurückgeben, dich mitgestalten, dir dabei helfen dich zu optimieren. Und ich möchte dir, wie es Freunde nun mal tun, auch mal die Meinung sagen, damit du wieder etwas vertrauenswürdiger und gerechter wirst.

In aufrichtiger Freundschaft.

Deine Jula

Berlin, 21. August 2015

Über die Autorin: Jula Lakritz wurde 1980 in der ehemaligen sowjetischen Republik Tadjikistan als Kind einer deutschstämmigen Kinderärztin und eines russischen Physikers geboren. Mit zehn Jahren siedelte sie mit ihrer gesamten Familie nach Deutschland um. Sie ging in Baden-Württemberg zur Schule und zog für ihre Ausbildung in einer Werbeagentur nach Hamburg. Nach ihrem anschließenden Designstudium arbeitet sie als selbstständige Interaktionsdesignerin für renommierte Agenturen sowie internationale Museen. Seit 2004 lebt sie mit ihrem Sohn in Berlin. 

Foto: Jula Lakritz mit ihren Großeltern (†) an ihrer Erstkommunion in Süddeutschland, 1992