Liebes Deutschland,

ich stelle mir vor, dass Du ein singendes Land bist im großen Chor der Nationen. Ich stelle mir vor, dass dieser Chor ein Lied anstimmt und frage Dich, welche Stimmlage Du übernehmen möchtest: den Sopran? Dann singst Du die Melodie; den Bass? Dann gibst Du das Fundament. Eine der beiden Mittelstimmen, Alt und Tenor? Dann sorgst Du für Farbe, Fülle, Ausgleich. Wer der Dirigent des Chors ist, wirst Du mich sicher fragen. Hmm. Ich stelle mir vor, wie der Chor klingen würde, wenn Du den Ton angäbst. Vielleicht klänge er mir ein bisschen zu korrekt, und zuweilen etwas kühl und trocken. Aber gut einstudiert wäre der große Chor. Mir schwebt allerdings ein basisdemokratisches Ensemble vor, ganz ohne Dirigent. Wie, das geht nicht? Kann nicht funktionieren? Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen? Nehmen wir an, es ginge in dem Chor der Nationen gar nicht darum, dass der Gesamtklang immer ausgewogen, schön und harmonisch ist. Wichtig sei in erster Linie, dass man zuhört, und dass man dazu gehört. Dass man Dissonanzen verstehen lernt, und sich auch mal traut, einen schiefen Ton zu singen.

Legen wir das Augenmerk doch einmal auf die Einzelnen, nicht auf den Gesamtklang. Und zwar nicht auf die einzelnen Nationen, sondern wirklich auf jeden Einzelnen. Jede Stimme. In Deinem Fall auf jeden Deiner Bewohner. Und gründen wir doch erst einmal hierzulande einen Chor: Hat in Deinem Chor wirklich jeder zumindest die Chance, seine eigene Stimme kennen zu lernen und zu erheben? Oder können/wollen/dürfen/sollen manche von vornherein nicht mitsingen, weil sie den Text oder die Melodie nicht kennen, weil sie keine Noten lesen können oder weil sie gesagt bekommen haben, sie seien unmusikalisch? Wer bringt ihnen das Handwerkszeug bei? Wo oder bei wem liegt die Verantwortung. Sicherlich bei jedem Einzelnen – und zwar nicht nur für sich selbst, sondern auch für seinen Nächsten – aber auch bei Dir, liebes Deutschland. Du stellst die Stühle und Pulte, Du verteilst die Noten, bestimmst Tonart, Tempo und das Lied.

Ich verrate Dir jetzt ein Musiker-Geheimnis: Bei einer Dissonanz ist weniger der Auslöser von Belang, als das Streben nach Auflösung. Und ich verrate Dir ein Sänger-Geheimnis: Beim gemeinsamen Singen lernt man, wie weit man als Einzelner gehen kann, ohne die Freiheit des Anderen einzuschränken. Des Glückes Unterpfand sind Einigkeit und Recht und Freiheit. Brüderlich, mit Herz und Hand, sollen wir alle danach streben, dass die Blume Deutschland blüht. Wenn Du alle Stimmen Deines Chors anhörst, dann vernimmst Du einen wunderbar vielfarbigen Akkord, mit allen Farben des Regenbogens und weit darüber hinaus.

Herzlich,

Dein  Julian

München, 12. August 2015

Über den Autor: Julian Prégardien, 1984 in Frankfurt am Main geboren, singt seit seinem 6. Lebensjahr und wuchs in einer musikalischen Umwelt auf: der Vater Christoph Prégardien und die Cousine Julia Kleiter sind wie er international berühmte Sänger, der 2012 verstorbene Großvater Prégardien war der „Kulturpapst“ der Heimatstadt Limburg an der Lahn. Auch in seinem Andenken engagiert sich Julian Prégardien nicht nur für sich selbst und sein eigenes musikalisches Fortkommen. Er wünscht sich die Wiederbelebung einer Alltagskultur des Singens. 

Foto: Julian Prégardien fotografiert von Marco Borggreve