Liebes Deutschland,

ich freue mich, auf diesem Weg mit Dir Kontakt aufzunehmen. Nach fehlgeschlagenen Demokratiebemühungen in Togo folgten dort Ermordungen, Attentate, Verfolgung und gewalttätige Festnahmen. Ich flüchtete im Januar 1995 und beantragte Asyl in Deutschland. Die ersten Jahre in der Freiheit waren hart: Das Wetter, die Sprache, die Mentalität und die Bürokratie waren meine größten Probleme. Ich habe Journalismus in Kamerun, Frankreich und Kanada studiert, arbeitete in Togo beim staatlichen Rundfunk und Fernsehen und leitete das Amt für Tourismus. Es waren gutbezahlte Stellen, verbunden mit einem entsprechenden sozialen Status. Sag mir, warum Du mir das Leben hier so schwergemacht hast, eine Arbeit zu bekommen, die meiner Qualifikation entsprach, und eine Wohnung zu finden? Warum wurden meine beruflichen Qualifikationen und Bildungsabschlüsse nicht anerkannt?

Du hast Disziplin, Ordnung, Demokratie, Freiheit und Sicherheit im Land erreicht. Du bist reich, berühmt, weltweit anerkannt und respektiert. Trotzdem hast Du immer Angst. Wovor eigentlich? Du willst immer auf der Seite der Gewinner sein. Lerne doch auch, ein Verlierer zu sein. Auch die deutsche Fußballnationalmannschaft kann nicht alle vier Jahre Weltmeister werden!

Zurzeit steigt die Anzahl der Asylsuchenden und Migranten, die zu Dir kommen. Du machst Dir Sorgen, wie Du die Probleme bewältigen kannst. Du schaffst wieder Aufnahmemöglichkeiten, wie es dir damals nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Integration von Millionen Menschen gelungen ist. Aber es ist schrecklich, wenn Flüchtlingsunterkünfte der Asylbewerber angegriffen werden.

In Deutschland fühle ich mich heimisch wohl. Hier habe ich Schutz und Sicherheit gesucht und erhalten. Ich kann mir gar nicht vorstellen, woanders zu leben. All dies verdanke ich Dir. Du prägst mein Leben. Du bist in mir. Überall wo ich bin, fühle ich mich als ein Botschafter. Irritiert reagiere ich , wenn ich gefragt werde, wann ich wieder zurück nach Afrika gehe. Dann beschleicht mich Unsicherheit, ob ich wirklich in Deutschland willkommen bin, oder ob es eine Utopie ist, dass ich auch dazugehöre. Aber mich quälen Gedanken um die Zukunft meiner Kinder und Enkelkinder, die hier geboren oder aufgewachsen sind. Manchmal habe ich Zweifel, gerade wenn ich die rechtsextremistische Szene anschaue. Vielleicht bin ich auch ein bisschen naiv. Ich fühle mich trotzdem hier zuhause. Dafür bin ich dankbar und ich versuche auf vielen Wegen, Dir viel zurückzugeben.

Ich wünsche mir, dass Du Dich stärker in Deinen ehemaligen Kolonien für Demokratie, Ordnung, Meinungs- und Pressefreiheit und für die rechtlichen Reformen einsetzt. Unterstütze keine diktatorischen Regime, die ihre Bürgerinnen und Bürger unter Druck setzen. Trage dazu bei, dass die Jugendlichen in Afrika eine Perspektive erhalten.

Ich träume davon, dass unsere Kinder, Enkelkinder und Jugendlichen mit Migrations-hintergrund die gleichen Zugangschancen zu Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen in der hiesigen Gesellschaft wie die Einheimischen bekommen. Ich träume davon, dass es in staatlichen Einrichtungen, bei der Polizei, in Schulen und Gymnasien, bei Firmen und Banken qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter afrikanischer Abstammung eingestellt werden. Ich träume von ihrer Inklusion statt ihrer Integration. Bis jetzt arbeitet die Mehrheit der Afrikanerinnen und Afrikaner in Bratwurstfirmen, Reinigungsbetrieben, Schlachthöfen und als Lagerkraft. Die Frauen sind zumeist als Putzkräfte tätig.

Ich bin angekommen und wurde aufgenommen. Lass meine anderen Träume in Erfüllung gehen. Ich danke Dir dafür.

Mit freundlichen Grüßen

Keli Kpedzroku

Nürnberg, 19. August 2015

Über den Autor: Keli Kpedzroku wurde 1948 in Togo geboren. Dort arbeitete er als Journalist sowie als Leiter des Amtes für Tourismus. 1995 musste er aus politischen Gründen seine Heimat verlassen und erhielt in Deutschland politisches Asyl. Er ist verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt heute in Nürnberg. Ehrenamtlich unterstützt er das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR). 

Foto: Keli Kpedzroku