Mein liebes Deutschland!

Verdammt… Schon zum x-ten Mal beginne ich diesen Brief an dich und komme nach dieser Phrase einfach nicht weiter. Mein inneres Google streikt und wirft mit seltsamen Gefühlen um sich… Ich bin acht Jahre alt und es ist an der Zeit, Fremdsprachen zu lernen. Mama sagt: Nur nicht Deutsch – das ist so eine bellende Sprache, wie ein Schäferhund, der bellt… Papa sagt: Nur nicht Deutsch – die haben Onkel Schura getötet… Ich weiß, dass meinen Onkel Schura, den Jungen in der Kriegsuniform auf dem abgegriffenen Foto aus der Vorkriegszeit, die Faschisten bei Stalingrad getötet haben und die Faschisten sprechen diese Hundesprache, daher werde ich diese Sprache nicht lernen…

Ich bin 20 Jahre alt, ich bin Student, die Berliner Mauer ist gefallen, bald wird die UdSSR zusammenbrechen, in den Geschäften gibt es nichts, ich stehe in der Schlange um Wodka, Zucker und was es sonst noch gibt an, meinen Eltern ist es peinlich in diesen Schlangen anzustehen, daher schicken sie mich, und ich stehe und stehe… Als sich die erste Möglichkeit bietet, ins Ausland zu fahren, muss ich zwischen Deutschland und England wählen. Ich entscheide mich für England – die Sprache kann ich gut und außerdem möchte ich nicht nach Deutschland…

Wir haben uns lange nicht mehr gesehen.

Ich bin weit über 30, arbeite im Theater, mache Filme, meine Eltern sind in Rente und alt geworden. Sie rufen mich an und beklagen sich, dass sie einsam sind: Ihre Freunde, ebenfalls Rentner, sind nach Deutschland gegangen, entweder weil sie Juden sind, oder weil sie Kriegsopfer waren, aber wie kann man nur, wie kann man nur nach Deutschland gehen, wo sie doch Onkel Schura getötet haben, dort wird man uns immer hassen… Ich nicke: Ja, ja… Ich sage ihnen, dass ich morgen auch nach Deutschland fahren werde, nach München, dort wird bei einem Filmfestival mein Film gezeigt. Auch sie sagen: Ja, ja… Wir verabschieden uns kurz angebunden.

In München haben wir uns getroffen. Ich bin weit über 30, das Festival und all das, aber mir tat es weh, mir tat es sehr weh, mein liebes Deutschland. Jedes schöne Haus, jedes glückliche Gesicht, das gewaltige technische Museum, die Surfer unter der Brücke im Park, all das tat mir weh… Von hier aus sind sie in mein Land marschiert, in diesen städtischen Badeanstalten mit den Messingarmaturen haben sie sich gewaschen, hier in diesem Park sind sie spaziert und dort auf diesem Friedhof liegen sie… Auf dem Friedhof liegen junge Männer im Alter meines Onkels Schura, genau solche noch nicht erwachsenen Jungen, die so wie er damals getötet wurden. Sie liegen auf dem ruhigen schönen Friedhof und Onkel Schura liegt im Massengrab in Wolgograd, wo das Denkmal verfallen ist, weil sich niemand darum kümmert…

Ich bin 40, ich arbeite in Berlin an der Komischen Oper, ich habe viele Freunde, sie sind die Besten des deutschen Theaters, sie sind Berühmtheiten, ich spreche mit ihnen auf Englisch, denn Deutsch kann ich nicht. Ich sage: Ich werde es lernen, ich habe eine Schule in der Kastanienallee gefunden, ich werde es lernen… Sie nicken: Ja, ja.

Ich habe dich dort oft getroffen, mein liebes Deutschland, in Berlin, in der Stadt, wo bis heute Spuren der russischen Granaten an den Häuserwänden sichtbar sind, wo ich wie ein Besessener alle Theater und Museen ablaufe, wo ich lerne, was Freiheit ist, wo ich lerne, glücklich zu sein, zu lächeln und ohne Rücksicht zu lieben. Wo ich mir eine Wohnung kaufe. Die unglaublich freundliche Frau Siegler, eine Deutsche, fährt mit mir in die Winsstraße, um mit mir den Kauf der Wohnung am 9. Mai abzuschließen. In Russland ist das ein Feiertag, der Tag des Sieges, und über den Roten Platz fahren Panzer. In Berlin ist es ein sonniger Tag, Fußgänger schlendern vorüber und früh am Morgen schwirren Fahrradfahrer vorbei.

Es dauert lange, den Vertrag zu lesen – zuerst auf Deutsch und dann auf Russisch, da ich kein Deutsch verstehe.

Ich bin 45. Ich drehe ein Film auf Grundlage eines Stückes des Deutschen Marius von Mayenburg in der Stadt Kaliningrad, dem früheren Königsberg, wo jedes alte Haus deine Atmosphäre verströmt, mein liebes Deutschland… Ich schreibe dir diesen Brief zwischen den Filmaufnahmen, da ich alle Fristen verstreichen habe lassen und ich schäme mich für meine russische Unpünktlichkeit. Aber du wirst mir doch verzeihen, oder? Es ist seltsam, ich habe mich an die ständigen Treffen mit dir gewöhnt, an diese plötzliche und allem zum Trotz erworbene Verwandtschaft, ja beinahe Nähe, daran, dass du einen so großen Platz in meinem Leben, meinem Herzen, meiner Seele einnimmst. Und ich möchte es nicht anders haben.

Kirill

18. August 2015, Kaliningrad, Russland

Über den Author: Kirill Serebrennikow, geboren 1969 in Rostow am Dom machte 1992 seinen Abschluss in Physik an der Staatlichen Universität Rostow. Heute ist er Künstlerischer Leiter des Gogol Centers in Moskau und einer der renommiertesten Theater- und Filmregisseure Russlands. Er inszeniert u.a. „Der Barbier von Sevilla“ an der Komischen Oper in Berlin und die Richard Strauss Oper „Salomé“ an der Oper Stuttgart.

Foto: Kirill Serebrennikov