Guten Morgen, Deutschland,

ich kann Dir bloß eine Karte aus der Ferne schreiben und aus der Ferne betrachtet geht es Dir so gut wie lange nicht: Du bist das Land der Exporte, Deine Funktionäre joggen jeden Morgen und mit der Energiewende hast Du endlich eine Entscheidung gewagt. Du bist stark. Ja.

Oft aber bist Du auch schwach und jämmerlich und böse. Woher kommt das? Wohin geht Deine Energie? Wie versiegt der Glaube an Deine Kraft? Und wohin ist Dein Gedächtnis entschwunden, von dem Du doch drei Jahrzehnte wieder und wieder gesprochen hast, dem Du Denkmäler gesetzt und für das Du Stellen im Besoldungsplan geschaffen hast?

Du hast Dir einmal ausgemalt, wie mutig und hilfsbereit Du sein könntest, wie Du alles besser machst als die Großväter in dunkler Zeit. Ja, das war großartig und manchmal hast Du Dir das sogar selbst geglaubt. Hast den Reichstag verhüllen und neu scheinen lassen. Hast Dich und andere beim Sommermärchen berauscht. Und nun ist das vielleicht alles nur ein Traum gewesen? Kannst nicht mal mehr lächeln und die Arme öffnen. Deine Greise gieren nach einer ewig gleichen Welt, es soll einsortiert werden und am besten aussortiert. Bitte nicht stören.

Man darf, merken wir, nicht einfach da leben und arbeiten, wo man gerne möchte, wo man für sich und seine Familie Aussicht auf ein gutes Leben zu haben glaubt. Du, Schengen-Deutschland, hast das wahrscheinlich schon vergessen, weil Du Innen und Außen falsch übersetzt in Eigenes und Fremdes. Unsere (inner-)europäische Freizügigkeit wird so im Handumdrehen zur  Barrikade, die nicht bloß gegen alles von  außen, sondern auch wieder innerhalb Europas selbst aufgebaut wird.  So geschieht es  in Ungarn, wo man einen neuen Befestigungszaun baut –  gegen serbische Flüchtlinge. Und bei Dir? Bei Dir, Deutschland, schickt man Menschen aus dem Kosovo und dem Balkan wieder in die Hoffnungslosigkeit zurück, von anderen ganz zu schweigen. Und hast Du schon einmal nachgedacht: Wenn einfach alle kommen könnten, die das wollen – was würde denn dann geschehen?

Fehlt Dir nicht bloß die Phantasie, um Dir die richtigen Verfahren auszudenken – von Unterkünften bis hin zu Berufsausbildungen? Hieß es nicht, Deutschland fehle es an jungen Menschen?  Aber es gibt sie ja, in Afrika und anderswo. Nur sind sie eben keine Deutschen und viele sind nicht gut ausgebildet. Na und?  Wer kommt schon als deutscher Ingenieur auf die Welt?

Du aber kannst neue, bewusste Bürger gewinnen an Stelle der alten, blockierten Wut-Bürger. Und welche Aussicht, welche Hoffnung: Du bist ist in der Lage, Heimat für viele zu sein.

Nein, Deutschland,  schenk’ dem Hässlichen kein neues Bild. Sei so gut und vertrau’ Dir selbst und Deinem großen Können.

Herzlich aus Dakar

Michael Jeismann

Dakar, Senegal, 12. August 2015

Über den Autor: Michael Jeismann wurde 1958 in Münster geboren. Er ist Journalist und Historiker und leitet das Goethe-Institut der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Er schreibt an einer Weltgeschichte der gemischten Paare.

Foto: Michael Jeismann