Wer bist ‘n Du eigentlich Deutschland?

Im Kindergarten hab ich gelernt, dass du der böse Teil des Landes bist! Voll bis obenhin mit Waffen, Faschisten und Ausbeutern. Du warst Schuld daran, dass mein Opa nur einen Arm hatte, dass in den alten Häuserwänden Einschusslöcher waren und das es eine Staatsgrenze gab. Denn unsere Republik musste sich vor dir schützen. Zwei Weltkriege waren dir wohl noch nicht genug, du wolltest bestimmt noch einen Dritten! Aber zum Glück hatten wir ja unsere Nationale Volksarmee, die niemals schlief und alle Kinder vor einem Angriff verteidigte.

In der Schule wurde es nicht wirklich besser mit deinem Status, da warst du immer noch der große Feind, auch wenn das mit den Faschisten jetzt nicht mehr so oft und deutlich gesagt wurde. Dafür hattest du jetzt aber auch mehr Waffen und die Ausbeuter waren sowieso noch da. Die Einschusslöcher in den Wänden waren zwar nicht verschwunden, aber zumindest weniger geworden. Dafür gab es jetzt auch viel mehr Neubauhäuser.

Irgendwann war dann mein eigener Kopf soweit, nicht mehr alles zu glauben, was einem erzählt wurde. Das ganze Theater von den Bösen dort und den Guten hier, ging einfach nicht auf. Und die deutschen Tugenden waren, wenn sie passten, auch im Osten hoch angesehen. Fleißig, folgsam und treu im Glauben. Hart gegen uns selbst und unerbittlich im Kampf gegen die Feinde des Sozialismus. Tja, da steckt wohl doch ganz viel von dir in der DDR. Und je älter ich wurde, desto mehr davon entdeckte ich.

Und dann neigten sich die 80er dem Ende zu, im Osten fiel nicht nur der Putz von den Wänden und der Kohlenstaub auf die Straßen, sondern auch der sorgsam hochgehaltene Vorhang. Und dahinter kam nicht etwa die sozialistische Einheitsbevölkerung hervor, sondern plötzlich wollten alle zu dir gehören und auch Deutschland sein. Deine Fahne wehte im Wind und dein Name wurde durch die Straßen gerufen. Erst fröhlich, dann fordernder und bald schon mit einer erschreckenden Garstigkeit. Und die Jungs, die ganz besonders stolz darauf waren, Deutscher zu sein, die waren nun auch nicht mehr zu übersehen.

Dann machtest du mal kurz: Schnapp und von zwei deutschen Staaten war nur noch einer übrig. Vom Osten durfte nichts mehr bleiben, außer dem Pittiplatsch, dem Rotkäppchensekt und dem unsäglichen Wolfgang Lippert. Den Rest verkloppte die Treuhand und was dann noch dumm in der Gegend rumstand, brauchte eh niemand mehr. Die undankbaren Zonis heulten und jaulten zwar rum, weil sie plötzlich keine Arbeit mehr hatten, aber daran waren sie ja wohl selber Schuld! Hatten ja schließlich vierzig Jahre lang Zeit gehabt, sich vernünftige Betriebe zu bauen und ordentlich arbeiten zu lernen! Da kannst du nichts für? War nicht deine Idee, sondern die von Helmut Kohl? Glaub ich dir nicht!

Tja und nun bist du seit 25 Jahren wieder groß, satt und mächtig. Du kannst dich manchmal von der netten Seite zeigen und viel, viel öfter von der kalten. Und mir bist du nach wie vor unheimlich. Heimat bist du mir nicht, weil dieser Begriff schon vor langer Zeit für mich gestorben ist. Und stolz auf dich? Bin ich noch nie gewesen. Egal ob du im Fußball gewinnst, Exportweltmeister wirst oder anderen Ländern deinen Willen aufzwingst, das macht mich nicht mal ansatzweise glücklich.

Warum ich dann nicht einfach gehe? Weil das hier auch mein Land ist! Und das lass ich mir von dir nicht wegnehmen!

Hier liegt mein Brandenburger Lieblingssee, mein Sächsischer Lieblingswald und mein Berliner Lieblingskino. Und hier sind meine Freunde.

Mikis Wesensbitter

Berlin, 11. August 2015

Über den Autor: Mikis Wesensbitter ist Jahrgang 1968 und DDR-sozialisiert. Er lebt und arbeitet als freier Autor und Journalist in Berlin. Im September 2015 ist sein neuer Roman „Wir hatten ja nüscht im Osten…nich‘ ma Spaß!“ erschienen. Wenn er gerade an keinem neuen Projekt arbeitet, schreibt er auf www.wesensbitter.de über Bier, Liebe und gute Bücher.

Foto: Mikis Wesensbitter fotografiert von Jana Farley