Liebes Deutschland,

mit 15 besuchte ich mit meiner Mutter und meinem Bruder in den Sommerferien kapverdianische Verwandte in Rotterdam. Es war ein sehr ereignisreicher Urlaub und ich werde vieles aus diesen Wochen nie mehr vergessen. Doch eine Sache war besonders komisch. Wohin auch immer ich kam und mich vorstellte, sagte ich ganz selbstverständlich, ich sei Milka und aus Hamburg in Deutschland. Von den holländischen Jugendlichen kapverdianischer Abstammung (diese Präzisierung tut mir zwar leid, macht das Ganze in der Realität aber noch ein Stück absurder) , mit denen ich dort „abhing“, erntete ich dafür Häme. Ob mir das nicht peinlich sei, aus Deutschland zu kommen? Das seien doch alles Nazis. Ich konnte nicht verstehen warum. Ich kannte verhältnismäßig nur sehr, sehr, sehr wenige Nazis. Die meisten davon aus dem Fernsehen. Auch mich selbst, würde ich nicht als Nazi bezeichnen. Und ich bin doch Deutsche, oder nicht? Was meinst Du?

Diese schräge Geschichte wollte ich Dir jedenfalls schon lange mal erzählen. Jetzt komm ich endlich mal dazu.

Meine Mutter hat mir letzten erzählt, wie ich vor dem Weihnachtsmann auf der Mönckebergstrasse in Hamburg Weihnachtslieder zum Besten gab -„O Tannenbaum“ oder „Ihr Kinderlein kommet“. Wo ich denn diese Lieder gelernt habe, fragte er. „Von Oma Durban.“, antwortete ich.

Deutschland, wenn ich an Dich denke, denke ich an „Oma“ Durban, „Tante“ Reißle, „Tante“ Weise, Frau Baldsiefen oder „Papi“ Prochel und an viele, viele mehr. Ich denke an Menschen, die mich an die Hand nahmen und mir zeigten, wie sehr Du nach „Kultur und Geschichte duftest“. Ich denke an Weggefährten, Lehrer und Freunde. Wahrscheinlich weiß keiner von ihnen, wie wertvoll, sie für mich waren und für Dich als Land immer noch sind.

Einfache Menschen – mit dem Mut zur Freundschaft.

Du hast sie hervorgebracht. Wie hast Du das nur geschafft? Mit meinem Leben will ich „Danke“ sagen dafür.

Im Radio hörte ich letztens von einer Gruppe Jugendlicher, die ein Konzentrationslager besuchen durften. Sie wurden alle von der Reporterin zu ihren Eindrücken befragt. Einen Jugendlichen türkischer Abstammung fragte sie, ob er sich denn angesprochen fühle. Er hätte doch mit der ganzen Sache gar nichts zu tun. Fast schon entrüstetet entgegnete dieser: „Aber natürlich habe ich was damit zu tun. Das hier ist genauso auch meine Verantwortung.“

Das meine ich mit „Danke sagen“. Ich übernehme die Verantwortung dafür, dass Du stets Deine besten Seiten zeigen kannst, dass Du für Frieden und Freundschaft stehen kannst und dafür, dass Du ein Ort sein kannst, dass es jedem Menschen ermöglicht, stets das Beste aus sich und seinem Leben hervorzuholen. Ich werde weiterhin mein Bestes geben, jeden, den ich treffe, dazu zu ermutigen. Ich hoffe, Du tust das auch.

Ganz liebe Grüße auch an Deine Mutter, die Welt, und Deinen Vater, Europa.

Lass uns spätestens bei der EM mal zum Grillen treffen, ok?

Ich hab auch das Bier, das Du so magst, wenn Du mir versprichst, nicht so viel davon zu trinken. Das letzte Mal, wurde es manchmal schon ein bisschen peinlich! Schmunzel

Drück Dich ganz doll!

Deine Milka

Nürnberg, 17. August 2015

Über die Autorin: Milka Loff Fernandes wurde am 19. Juni 1980 in Hamburg geboren. 1999 begann ihre Karriere als Moderatorin bei VIVA und arbeitet seitdem vor sowie als Redakteurin und Produzentin hinter der Kamera. Sie ist Inhaberin des Modelabels CABO BY MILKA, ein Label, das inspiriert wird durch die beiden Kulturen ihrer deutschen und ihrer kapverdianischen Identität. 

Foto: Milka Loff Fernandes