Hey, how are you, Deutschland?

Solltest Du nun „Oh, I’m OK“ antworten, würde das Besorgnis auslösen, hierzulande, im Golden State.

Denn OK ist hier nicht gut genug, hier muss es schon, splendid, awesome oder zumindest great sein, damit sich keiner über Dein Befinden wundert. Inflation der Happiness.

Nun sind es schon fast 11 Jahre her, dass ich mit Kind und Kegel aus Deiner Hauptstadt nach Kalifornien gezogen bin — doch je weiter ich mich von Dir entfernte, desto deutscher fühle ich mich heute.

Trieb mich einst Deine Betulichkeit und Miesepeterichkeit, Deine Schadenfreude und Dein Glücksschmerz ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, so sehe ich Dich jetzt mit deutlich anderen Augen. Zeit und Abstand hilft. Vergleiche auch.

Klar, in einem Land in dem Politikerkarrieren nahtlos vom Terminator zum Governator und retour zum Terminator V verlaufen können, da geht es oft flott und unverkrampft zur Sache, und dieser Möglichkeitssinn bekommt täglich neues Futter — doch wo verläuft die Verwerfungslinie zwischen Optimismus und Naivität, zwischen Sein und Schein?

Für eine Kunst- und Designschule arbeitend, bin ich stets der nächsten Generation zugewandt: wie schaffe ich optimale Lernbedingungen, unter denen Kreativität sich am besten entfalten kann? Da hilft das leichtfüßige Unternehmertum, das unter Kaliforniens Sonne seit jeher bestens gedeiht, gepaart mit bedingungslosem Vorwärtsdrang.

Doch kulturellen Tiefgang, Geschichtssinn und interpersonelle Verbindlichkeit holen wir uns bei Dir ab, altes Deutschland. Jedes Semester schicke ich ein Team unserer mutigsten Studierenden ins Testlab Berlin, um Deine Hauptstadt für drei Monate zu erforschen und als Inspirationsquelle zu nutzen. Die jungen Kreativen entdecken zwischen Spree und Havel, zwischen Kotti und Bikini eine ihnen unbekannte Welt: hier ist noch nicht alles glattgebügelt, hier ist die Freundlichkeit weniger offensiv und dafür ernstgemeint, und hier gilt OK noch als prima.

Abstand hilft auch dabei Veränderungen zu erkennen und zu würdigen, und boah! Wie hast Du Dich gewandelt in meiner Abwesenheit! In den Achtziger Jahren haben wir uns noch die Deutschlandflaggen vom Flohmarktparka entfernt, um nicht als ewig gestrige Nationalkasper zu erscheinen — und so bekam ich einen leichten Schauer als ich zur Fußball WM einflog und ein Straßenbild in schwarzrotgold vorfand. Deine weltoffene Feierstimmung zeigte mir jedoch dass hier eine grandiose Zurückeroberung stattgefunden haben muss. Die Flagge flattert im Mainstream — Deutschland unverkrampft.

Und dass sich meine tiefentraumatisierte Generation jemals über die Nazizeit lustig machen könnte, hätte ich mir nie träumen lassen. Der Bücherturm von Timur Vermes „Look Who’s Back“ in der Frankfurter Flughafenbuchhandlung war ein unglaubliches Bild! Als meine Frau und ich uns das Buch später im Flieger nach LA gegenseitig vorlasen, fühlte das sich zunächst an wie ein Sakrileg. Aber nur die erste halbe Stunde.

Deutschland, Du bis OK!

Nik

Los Angeles, 17. August 2015

Über den Autor: Als der Künstler und Designer Nik Hafermaas in Berlin lebte, war sein erster Studentenjob Schneepflugfahren entlang der Mauer, die die Stadt während des Kalten Krieges zerteilte. Das führte zu einer lebenslangen Leidenschaft für das Überschreiten von Grenzen. Als Dekan für Grafikdesign am renommierten ArtCenter College of Design in Los Angeles leitet er eine Fakultät von über 40 Professoren und Dozenten und 350 Studenten mit transdisziplinären Auslandsprojekten in internationalen Metropolen wie Berlin, Kopenhagen, Peking und Tokio. Mit seiner Künstlerplattform Ueberall International kreiert er Ausstellungen und datengesteuerte Installationen, die digitalen Medien zu neuen Raumerfahrungen verschmelzen.

Foto: Nik Hafermaas, Klaus Wowereit, Jan Edler und im Hintergrund Joachim Sauter, 2002