Liebes Deutschland,

ich bin ganz ehrlich: es ist nicht einfach, einen Brief an „sein“ Land zu schreiben. Aber es wird Zeit, dass ich mich endlich mal melde – schließlich hast du seit Jahrzehnten zwar keine Briefe, aber doch Botschaften an mich geschickt. Mal waren es Bilder, mal Geschichten, mal Emotionen.

Als ich ein kleiner Junge war, hast du mich durch eine Stadt wie Frankfurt laufen lassen, wo an vielen Straßenecken noch Ruinen standen und Männer mit Arm- oder Beinprothesen und zerschossenen Gesichtern mich erschreckten. Da waren die Erzählungen meiner Großeltern, vom Krieg, vom Tod, von Gefangenschaft und Vertreibung, von „der schlechten Zeit“ und, jetzt wirst du lachen, vom Wert der „guten Butter“.

Du hast bei mir schon früh den Glauben an die Gegenwart und Vorfreude auf die Zukunft geweckt: ich konnte zuschauen, wie der Wohlstand des Landes zunahm, wie aus Ruinen meiner Heimatstadt Wolkenkratzer in die Höhe wuchsen, Züge immer schneller und Autos immer weiter fuhren. Ich hing an den Lippen von Fernsehreportern wie Günter Siefarth und Heinrich Schiemann, frühen Vorbildern, die die flackernden Bilder der ersten Mondlandung kommentierten – uns stand der Himmel offen, dachte ich. Dass wir uns mitten im Kalten Krieg befanden, nahm ich nur am Rande wahr. Den Wettlauf zum Mond hatten schließlich „wir“ gewonnen, nicht die anderen. Den Grenzzaun und die Mauer, die Deutschland trennten, akzeptierte ich als notwendiges Übel – zu „denen da drüben“ hatte ich keinen Kontakt, ihn zu suchen wäre mir in meiner jugendlichen Unbekümmertheit auch nicht eingefallen. Trotzdem zählten dann später die Herbsttage 1989 zu den aufwühlendsten und aufregendsten Momenten meines Lebens, es waren die kostbarsten Geschenke, die du mir je gemacht hast.

Du hast mir – besonders in jenen Tagen – aber auch den Glauben an Deine Vernunft geschenkt. Ich war fast immer überzeugt, auch in Krisenzeiten ordentlich regiert und vertreten zu werden – die Ausnahmen bestätigten die Regel. Mein Vertrauen in Dich war und ist nur schwer zu erschüttern. Und wenn doch, dann reichen manche Reisen in entfernte Länder, um mich bei der Heimkehr wieder sehr geerdet zu fühlen.

Aber ich sehe auch, wie du, liebes Deutschland, mit Deiner Rolle in der Welt zu kämpfen hast. Aus der unzweifelhaften Stärke, aus dem wirtschaftlichen und politischen Gewicht erwächst Verantwortung. Man erwartet, mit Recht wie ich finde, Führung von Dir, und da ist es unmöglich, immer alle zufrieden zu stellen. Nicht zu führen wäre die schlechtere Alternative.

Liebes Deutschland: du bist natürlich ein Staat, mit klaren Grenzen, unfassbar vielen Gesetzen, einer zur Verantwortung mahnenden Geschichte. Aber du bist auch und vor allem: 81 Millionen Menschen. Sie alle haben Träume, Hoffnungen, berechtigte Forderungen. Aber sie bringen Energie mit, Leistungsbereitschaft, den Wunsch nach einem besseren Leben. Enttäusche sie nicht! Investiere mit Verstand in ihre Bildung und Ausbildung, gib ihnen Freiraum zur Umsetzung ihrer Ideen, schaffe Platz für Neues, heiße Neuankömmlinge willkommen und schotte Dich nicht nach außen ab. Dein Gesicht dürfte sich mit den Jahren verändern, und das hat es auch schon getan, aber als Ganzes wirst du unverwechselbar bleiben.

Alles in allem muss ich sagen: ich fühle mich sehr aufgehoben bei Dir. Und sollten wir uns mal wirklich nicht verstehen, dann schreibe ich halt wieder einen Brief. Oder zwei.

Mit besten Grüßen

Dein Peter Kloeppel

Köln, 11. August 2015

Über den Autoren: Peter Kloeppel wurde 1958 in Frankfurt am Main geboren. Er ist Nachrichten-Moderator und begann seine journalistische Karriere 1985 im Bonner Studio des Privatsenders RTL plus. 1990 ging er als erster USA-Korrespondent für den Sender nach New York. Von 2004 bis 2014 war er Chefredakteur von RTL. Heute lebt er mit seiner Frau Carol in Bonn.

Foto: Peter Kloeppel