Liebes Deutschland,

neulich in den USA, an der Rezeption eines schäbigen Motels am Highway 1, fragte mich ein Typ, woher ich komme. Ich: “From Germany.” Ob ich Dich liebe, wollte er dann wissen. “You know, I love my country!”, sagte er in Südstaaten-Dialekt, etwas zu laut für deutsche Ohren. “Do you love Germany?” Er – Schnauzbart, Jeans, Wampe – klopfte sich auf seinen Bauch und sagte: “I mean, you guys just do everything better than us. You’re the greatest country in the world!”

“Hmmpf”, sagte ich. Weißt Du, für einen Deutschen mit durchschnittlich unterdurchschnittlichem Nationalstolz ist es immer noch ungewohnt, mit Dir in Zusammenhang gebracht und trotzdem gemocht zu werden. Du bist doch der Außenseiter mit der völlig gestörten Familiengeschichte, der Streber, der immer überall der Beste sein will und nicht mitmacht, wenn alle schwänzen wollen. Berühmt vor allem für Deine seltsam innige Beziehung zu Mülltrennung und Bier. Und für Genauigkeit, Pünktlichkeit, Sauberkeit und Verbindlichkeit. Vielleicht wäre Deine flächendeckende Spießigkeit weniger aufgefallen, wenn Du nicht so viele Wörter mit “-keit” erfunden hättest.

Vielleicht hättest Du stattdessen lieber mal bei einem Deiner ineffizienten Nachbarn ein Praktikum machen und Dir Nachhilfe im savoir-vivre, im Dolce Vita geben lassen sollen, um in Sachen Lebensfreude etwas aufzuholen. Dass Du Dich damit so lange so schwer getan hast, liegt natürlich auch an Deiner kaputten Kindheit.

Im Ausland wollte ich als Deutsche jedenfalls früher auf keinen Fall mit Dir in Verbindung gebracht werden. Wenn ich im Urlaub deutschen Touristen begegnete, starrte ich beschämt auf die Socken in ihren Sandalen und versteckte mich hinter einer Palme.

Irgendwie hatten sich doch alle darauf geeinigt, dass Du Dich weder selber magst, noch besonders gemocht wirst. Und dann erzählen einem Südstaatenamerikaner begeistert, dass Du “the greatest country in the world” seist und wollen von einem hören, dass man Dich liebt? Schwierig. Ich sagte dem Typen dann, dass “love” doch eine ziemlich große Nummer für uns ist, aber dass ich zumindest ein paar Seiten an Dir sehr mag. “Germans are very complicated, you know?”

Aber wie kompliziert, wie haarsträubend umständlich Du bist, kann man natürlich nur wissen, wenn man Deine Sprache spricht. Dann weiß man, dass Du es zum Beispiel tatsächlich schaffst, Dir für die Querstreifen auf der Autobahn ein Wortmonster wie “Abstandseinhaltungserfassungsvorrichtung” auszudenken und Dir trotzdem für Deine Effizienz auf die Schulter zu klopfen. Ist das nicht liebenswert?

Wie neurotisch Du bist, das versteht man nur, wenn man auf einem Deiner tausenden Ämter jemals eine “Lebensberechtigungsbescheinigung” einreichen musste. So nennst Du, wenn Du seriös sein willst, ein Stammbuch. Wenn ich an die vielen Menschen denke, die gerade Schutz bei Dir suchen, macht mir dieses Wort Angst. Lebensberechtigungsbescheinigung.

Schmeichelt es Dir eigentlich, dass Du für so viele Menschen ein Synonym für Hoffnung, Rettung und ein sicheres Leben geworden bist? Gerade scheinst Du ziemlich große Angst vor der Verantwortung zu haben. Warum eigentlich? Du behauptest doch immer, dass Du so ein tolles Organisationstalent bist und so gut allgemöglichen Kram einteilen und Listen schreiben kannst. Zeig das mal Deinen ganzen Fans, die an den Grenzen warten und unbedingt zu Dir wollen!

Nicht zuletzt was die angeht solltest Du wirklich an Deiner Ängstlichkeit arbeiten. Fremdes behagt Dir nicht. Deine tiefe Skepsis vor allem Unbekanntem ist die Seite, die ich am wenigsten an Dir mag, die ich am wenigsten verstehe, sie ist noch schlimmer als Dein Plumpsklo-Humor. Diese Angst macht Dich engstirnig, kleinkariert und manchmal auch gefährlich.

Aber das weißt Du ja. Es gibt nicht viele, die so ausdauernd und detailversessen über die eigenen Fehler und Schwächen reden, wie Du. Über Links-, Rechts- und Mitte-Extremismus, über Unterbezahlung und Überalterung, über schlechtes Fernsehen, schlechte Comedy, schlechte Küche, über Gesetzeslücken, Mindestlohn, Helene Fischer oder Dein verworrenes Schulsystem.

Verzeih mir, Ich finde das im Detail häufig eher so mittelinteressant. Das wird mir manchmal als Wohlstands-Ignoranz vorgeworfen. Wenn das so ist, dann bedanke ich mich aufrichtig bei Deinem Wohlstand; dass er mir diese Ignoranz ermöglicht, ist ja nicht selbstverständlich. Man könnte jedenfalls meinen, Du verbringst den Großteil Deiner Freizeit in Selbst-Gesprächstherapie an runden Tischen. Hilft das eigentlich?

Vielleicht schon. In letzter Zeit hast Du ein gewisses Selbstbewusstsein entwickelt. Es ist fragil, defensiv, hat frühkindliche Trotzphasen und kann noch nicht alleine laufen. Wenn Du tatsächlich Bestätigung erfährst, auf irgendwelchen G-Gipfeln oder von Südstaaten-Amerikanern an einer Motel-Rezeption, dann wirst Du rot. Wenn man Dich kritisiert oder angreift, kramst Du panisch nach Deiner Lebensberechtigungsbescheinigung.

Obwohl Du auf ein paar Erfolge zu Recht sehr stolz bist – auf Deine Fußballmannschaft, Deine Chefin, oder Deine schicken Autos zum Beispiel – scheinst Du immer noch Angst davor zu haben, dass die anderen sich daran erinnern, wie uncool und gestört Du eigentlich bist, und Du dann wieder der Außenseiter wirst, mit dem auf dem Schulhof keiner reden will. Dir ist furchtbar wichtig, was “die Anderen” von Dir denken – als ob das Entscheidende sei, sich nicht zu blamieren. Du traust Dir selber noch nicht ganz.

Aber genau das ist es ja, was ich so sehr an Dir mag und was Dich interessant macht: Deine Zerrissenheit, Deine Gebrochenheit. Dass Du ein komplizierter Freak bist. Mit so vielen Neurosen, Komplexen und Widersprüchen. Dass Du so unsicher bist, dass man Dich manchmal gerne schütteln oder umarmen möchte, damit Du Dich endlich mal locker machst. Dass Du so wenig Talent zu Feierlichkeit und Pathos hast.

Ach Deutschland, vielleicht liegt es ja einfach nicht in unserer deutschen Natur, Dir geraderaus die Liebe zu gestehen. Wir lieben eher leise. Aber das muss ja nicht heißen, dass ich dich nicht liebe, oder?

Deine Pia

Berlin, 1. September 2015

Über die Autorin: Pia Frey, geboren 1988, arbeitet bei der “Welt” und entwickelt dort digitale Sachen. Sie ist Mitgründerin von “Opinary”, einem Anbieter für Meinungstools wie dem “Pressekompass”, und gewann 2014 dafür den Grimme Online Award. Im Herbst 2015 erschien ihr zweites Buch.

 Foto: Pia Frey (c) Caspar Seibert