Geliebtes Deutschland,

Ich schrieb erst Liebes Deutschland, aber ich weiß gar nicht, ob du lieb bist. Denn ich weiß nur zu ungenau, in welchen Kriterien Länder und Nationen in solch Eigenschaften bemessen werden. Aber ich erlebe, dass ich dich liebe, und dies ist eine Kategorie, die allein ich bestimme und bemesse. Also geliebtes Deutschland: Ich bin stolz auf dich und ich versteh dich nicht. Du sprichst so viele laute Sprachen, dass ich dein Flüstern kaum wahrnehme, heimatlich und romantisch, oder Unruhe kündend und bedrohlich, dein Spiel und deine Sicherheit sind so laut, dass ich mich behütet fühle, deinen Namen über den meinem in meinem Pass zu tragen, und: wenig weiter.

Gern verabschiede ich mich mal von dir, geflüchtet aber bin ich nie. Und wenn ich einmal aus der Fremde komme, sind du und dein Grün, Grau, Braun und Blau mir Vertrautheit. Selbst dein Geschnäuze und Geschimpfe wiegt mich. Deine Farben gefallen mir sehr, auch wenn mir dauernd gesagt wird, dass Schwarz ja keine Farbe sei. Schwarz ist also keine Farbe, Gold ist ein Wert, und Rot ist definitiv eine Farbe, eine Mächtige, die der Liebe und die des Bluts.

Den ganzen Tag Gerede. Verstehst du deine Menschen noch? Hast du auch manchmal eine Identitätskrise? Hast du gerade eine? Denkst du manchmal auch an mich? Und berühren meine Krisen dich? Vor deiner fürchten sich alle. Ich mich auch, ehrlich. Aber noch mehr fürchte ich mich vor meinen eigenen, und vor deinen, gleichauf ehrlich gesagt, so richtig richtig erst dann, wenn sie unmittelbar in meine greifen. Das tut mir Leid. Ich schäme mich dafür, genug, um es verdrängen zu wollen und nicht genug, um es nicht verdrängen zu können. Ich kann es mir sonst nicht vorstellen, dieses Bewusstsein von dir. Du wirkst so gefasst. Ich habe noch nie erlebt, dass du zusammengebrochen wärst. Ich weiß davon, natürlich (du lässt es uns auch nicht vergessen). Aber es liegen Herzensweiten zwischen Wissen, Nachempfinden und Erleben.

Fast nie habe ich in Frage gestellt, ob ich ganz zu dir gehöre, auch wenn ich ständig gefragt werde, woher denn „meine Vorfahren“ kommen; und deine, möchte ich dann fragen, Deutschland, woher kommen die? Ich gebe zu: Oft überlege ich, dich zu verlassen. Und dann geht es darum, wie es mir in der Fremde denn gehen würde, und wie ich dort zurechtkäme, und was ich denn vermissen würde, aber selten geht es darum, was du davon hieltest. Schulde ich dir etwas? Du sagst so wenig. Meine Dankbarkeit hast du. Reicht die? Deine Menschen haben mich begleitet, dein System mich geschützt und deine Gelder meine Träume finanziert, mehr als die der meisten – und dabei sind ja nicht nur meine groß.

Deutschland, hast du Spaß? Haben andere mehr Spaß? Deine Tugendhaftigkeit ist sexy, aber sonst ist ja nicht so viel sexy an dir. Sorry. Ich meine: Verzeihung.
Ordentlich bist du, wunderschön, und einigermaßen gesund. Du bist eine hervorragende Partie, manchmal denke ich: Vielleicht die Beste. Und ein bisschen weniger manchmal, aber trotzdem vorkommend, denke ich: Wahrscheinlich die Beste.

Für mich.

Hast du dir mich ausgesucht?

Deine R.

Berlin, 15. März 2015

Über die Autorin: Ramona Raabe wurde am 23. Januar 1992 in Köln als zweite Tochter eines Deutschen und einer Thailänderin geboren. Aufgewachsen in Erpel am Rhein besuchte sie als Stipendiatin des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms für ein Jahr eine amerikanische High School. Seit 2011 studiert sie Film- und Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin sowie der University of California, Los Angeles.

Foto: Ramona Raabe mit Onkel und Tante aus Thailand am Checkpoint Charlie in Berlin, 2015.