Liebes Deutschland.

Ich weiß, du begehst einen wichtigen Feiertag. Der Tag der Wiedervereinigung. Und obwohl ich mir kaum vorstellen kann, wie wichtig dieser Feiertag für dich ist, möchte ich dir dazu gratulieren. Meine deutsche Freundin hat mir das einmal so erklärt: „Also, stell dir vor“, sagte sie, „du hattest einen Unfall. Eine richtig furchtbare Katastrophe. Du hast viel Blut verloren, kannst dich nicht rühren, und das Schlimmste von allem, dir wurde exakt die Hälfte deines Körpers amputiert. Vom Scheitel bis zu den Fersen, das Herz, die Nerven und die Leber wurden getrennt und fein säuberlich auseinander geschnitten. Und dann, nach vielen Jahren, wurde alles auf wundersame Weise wieder zusammengefügt. Und so ist das für uns Deutsche mit der Wiedervereinigung“, erzählte sie.

Liebes Deutschland. Ich kann dir nicht im Namen von uns allen schreiben, weil ich schon lange nicht einmal mehr weiß, wer ich selbst bin und somit auch nicht, wer diese „unsrigen“ sind. Russen? Regisseure? Juden? Frauen? Dreißigjährige? Ich weiß es nicht, ehrlich. Aber dafür kann ich dir von mir und in meinem Namen schreiben. Zwar nur im Namen einer Privatperson, aber immerhin einer interessierten. Und vielleicht ist es für dich ja doch interessant?

Ich wurde in Russland geboren, d.h. genauer gesagt in der Sowjetunion, und war das erste Mal im Alter von etwa 20 Jahren im Ausland. Und zwar in Deutschland. In diesem Moment wusste ich schon genau, was ich sehen würde: die deutsche Ordnung, saubere Straßen, stramme und pedantische Menschen, korrekte Hausfrauen und saubere Kinder, die mit glänzenden, zuvor ordentlich gewaschenen Spielsachen spielen. Jedes sowjetische Kind hatte wahrscheinlich ein zweiseitiges Bild von Deutschland. Einerseits wollte nie jemand die „Deutschen“ spielen, wenn wir im Hof Krieg spielten. Das hatte etwas Beschämendes und Unangenehmes. Andererseits sahen alle die nur selten verfügbaren, aber unfassbar schönen deutschen Spielsachen und Kleidung. Es schien, als würde man etwas vor uns verbergen.

Zu diesem allgemeinen Bild, das alle teilten, kamen noch persönliche Aspekte hinzu:

– Onkel Oswald, der in nur zwei Tagen (!), die er in der Wohnung, in der ich mit meinen Eltern wohnte, zu Besuch war, alle Lampen festschraubte, die seit Jahren nicht mehr funktionierenden Steckdosen reparierte und die Tapeten aufklebte – und das alles ganz leise und plangemäß, während er grummelte: „Alles muss sein bisschen Ordnung haben“… Wobei mich immer das verniedlichende „bisschen“ am meisten faszinierte, denn was ist dann „Ordnung“, wenn das bloß ein „bisschen Ordnung“ ist.

– Tante Nadja, die in Berlin wohnte und zweimal im Jahr mit Koffern voller Kleidung für alle ihre russischen Habenichtse-Verwandten kam und dabei säuerlich vor sich hin murmelte: „Bei uns in Deutschland sind die Menschen nicht so dick“, wenn ich wieder nicht in die von ihr mitgebrachten Hosen in Größe 36 passte. Es war schrecklich, einfach schrecklich – ich weinte die ganze Nacht und stellte mir das perfekte Deutschland mit schlanken Menschen und perfekt sitzenden Hosen vor.

– Meine erschütterte Oma, als ich ihr meinen deutschen Freund vorstellte. Meine Oma, die Professorin und Mitglied der Akademie der Wissenschaften war, sechs Sprachen sprach, die Blockade Leningrads, während derer sie Bruder, Vater und Mutter verlor, miterlebt hatte, war vollkommen verstört und das einzige, was sie meinem deutschen Freund noch sagen konnte, war „Hitler kaputt“. Ich verging vor Scham und Thomas wurde ganz bleich und murmelte „Ja, natürlich“, denn auch sein Vater hatte gekämpft, wenn auch auf der entgegengesetzten Seite. Als Thomas und ich uns trennten, weinte meine Oma – diese eiserne Lady mit Hornbrille und ihrer „Belomor-Zigarette“ im Mund – vor Glück…

Seither sind viele Jahre vergangen, ich wohne in einem anderen Land mit anderen Kategorien und Ereignissen. Aber ich erinnere mich noch, was für eine Entdeckung die Reise nach Köln damals für mich war – es stellte sich heraus, dass es auch dort dicke Menschen gab. Sowie unordentliche Menschen, lebendige Kinder und nicht nur Kinder aus Plastik, Nietzsche und Schiller hatten viele nicht gelesen, die Brötchen waren die köstlichsten auf der Welt und eine weibliche Regisseurin wurde nicht wie ein exotisches Wundertier, vergleichbar einer bärtigen Frau, die im Zirkus auftritt, betrachtet … Das alles hat mir Deutschland näher gebracht, es mir verständlicher und heimeliger gemacht.

Und dennoch erschaudere ich bis zum heutigen Tage, wenn jemand meinen Familiennamen für einen deutschen Namen hält (obwohl es natürlich ein jüdischer ist). Achtung, Neid, Interesse, aber nicht Liebe. Dagegen spricht zu vieles in meiner Familiengeschichte und Kindheit…

Liebes Deutschland. Bitte verzeih mir meine übertriebene Ehrlichkeit, aber all dies kommt von Herzen. Ich wünsche dir, dass du glücklich bist und nie wieder Amputationen erleiden musst. Für dich soll es nur noch Wiedervereinigung geben und vorwärts gehen.

Mit lieben Grüßen

Tanya Weinstein,

Moskau, 27. August 2015

Über die Autorin: Tanya Dmitrievna Priyatkina-Weinstein wurde in Sankt Petersburg, Russland geboren. 2008 machte sie ihren Abschluss an der State Theatrical Academy in Sankt Petersburg mit einem Diplom als Bühnenregisseurin für Puppentheater. Seither hat Tatiana Aufführungen sowohl in Russland als auch im Ausland inszeniert sowie bei Kunstfestivals unterrichet. Sie ist Mitbegründerin und Kreativdirektorin des Veranstaltungorts Skorokhod sowie des internationalen Theaterzentums Lyogkiye Lyudi. Darüber hinaus ist sie Mitglied der Innung für Schauspiellehrer und Bühnenregisseure.  

Foto: Tanya Dmitrievna Priyatkina-Weinstein