Klug gewordenes Deutschland,

was für Sorgen haben sich nicht viele Menschen gemacht, innerhalb und außerhalb Deiner damals gerade endgültig bestätigten Grenzen. Was für ein Deutschland würdest du sein, und vor allem werden – du geeintes? Wieder ein von vielen gefürchtetes? Ein übermächtiges? Oder ein klug gewordenes, eines, das Willy Brandts so großartig schlichte Vorgabe verinnerlicht hat, „ein Volk guter Nachbarn“ zu sein? Und was haben die fünfundzwanzig Jahre seitdem nicht alles gebracht! Du, Deutschland, schienst damals am Ziel deiner Wünsche, aber die Welt drum herum wollte nicht stillstehen. Sie tut es bis heute nicht.

Wir haben das Werben unserer Nachbarn im Norden und Osten um Einlass in die Europäische Union erhört und den Kontinent tatsächlich geeint. Wir haben mit dem Euro bekräftigt, dass für uns deutsche und europäische Einheit zwei Seiten ein und derselben Medaille sind. Wir haben uns aber auch mit der Welt jenseits unseres Kontinents verflochten wie nie zuvor. Der Fall des Eisernen Vorhangs war auch der eigentliche Startschuss der Globalisierung. Du, Deutschland, hast ihre Chancen beherzt zu nutzen gewusst. Andererseits hängen unsere Sicherheit und unser Wohlergehen heute stärker denn je von Entwicklungen jenseits unserer Grenzen ab. Mit dieser Spannung, endlich nur von Freunden umgeben zu sein und andererseits nicht unberührt bleiben zu können von den gewaltsamen Erschütterungen der Kriege auf dem Balkan und des Terrorismus aus Afghanistan und anderswo, tun wir uns bis heute schwer.

Unterdessen bist du in den Augen vieler die starke wirtschaftliche und politische Kraft in Europa geworden. Wie wirst du umgehen mit diesem „deutschen Augenblick“, von dem Kofi Annan spricht, der frühere Generalsekretär der Vereinten Nationen? Was soll man Dir wünschen für das, was vor dir liegt, Deutschland? Die Einsicht, dass deine außenpolitische Verantwortung keine selbstgewählte, nicht einmal eine gewollte ist, aber gleichwohl eine zugewachsene, womöglich unausweichliche. Eine, in der Nichthandeln ebenso Konsequenzen hat wie Handeln. Eine Verantwortung, aus der heraus wir gegen Krisen und für eine gerechte, friedliche Ordnung tun, was wir tun können, um die Dinge zum Besseren zu wenden, dabei aber einen realistischen Blick für unsere Möglichkeiten – und auch für ihre Grenzen – entwickeln. Wünschen muss man dir die Weitsicht, dein eigenes Interesse auch künftig so wohlverstanden, so weitherzig zu definieren, dass das Glück deiner Nachbarn darin eine entscheidende Rolle spielt. Inständig wünschen, dass die Erkenntnis nicht verblasst, wie sehr deine Stärke sich aus der Stärke des geeinten Europas speist, und dass dieses Projekt auch für die Zukunft kostbar ist – dass es einen Wert hat, der den viel zu viel diskutierten Preis auch künftig allemal aufwiegt.

Wünschen will ich Dir eine Fähigkeit zur Großzügigkeit, die aus dem Starken einen Klugen macht, aus dem klug gewordenen Deutschland womöglich eines, das Selbstbewusstsein, Gelassenheit und Bescheidenheit auch in seinem außenpolitischen Handeln zu einer Weisheit verbindet, die uns das Glück der Einheit – der deutschen und der europäischen – auf Dauer sicher kann.

Hoffnungsvoll, Thomas Bagger

Berlin, 12. August 2015

Über den Autor: Thomas Bagger wurde 1965 in Lüneburg geboren und ist  Diplomat und Ministerialdirektor. Im Auswärtigen Amt war er u.a. Redenschreiber der Außenminister Klaus Kinkel und Joschka Fischer, Büroleiter des Außenministers Guido Westerwelle und Chef des Planungsstabes von Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Zu seinen bisherigen Auslandsstationen zählen Washington, Ankara und Prag. Seit März 2017 leitet er die Abteilung Ausland des Bundespräsidialamtes. Der Brief gibt allein seine persönliche Meinung wieder.

Foto: Thomas Bagger